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Kurzprofil


Es war einmal...

Die Kasseler Musiktage sind inzwischen älter als ein dreiviertel Jahrhundert. Sie entsprangen damals zu Beginn der 1930er-Jahre den gesellschaftlichen und kulturellen Nöten der Zeit und einem mutigen Pioniergeist, nämlich diesen Nöten entschieden entgegen zu treten, zu handeln und Zeichen zu setzen gegen einen kulturellen Zerfall und Auflösungsprozess, in dem sich der gesellschaftliche Ruin ankündigte.

Den Kasseler Musiktagen blieb in den Nazi-Jahren jede Wirkung und Bedeutungsentfaltung versagt. Sie wurden dann auch schnell wieder eingestellt und erst nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges wieder aufgenommen. Es waren jeweils nur wenige Tage, denen man sich Jahr für Jahr widmete; doch diese waren von einer Intensität des Willens, des Bedürfnisses nach Aufklärung und von einer im Grunde nach allen Richtungen hin eindringlich und herausfordernd artikulierten Programmatik geprägt, so dass diese "Musiktage" bald zu einem Muss der Teilnahme für alle die wurden, die im Musikleben nach neuen Impulsen und Erlebnisqualitäten suchten.

Spannende Jahre waren das - die 1970er- und 1980er-Jahre, in denen in Deutschland tatsächlich eine kulturelle Revolution um sich griff und ein gesellschaftliches Bewusstsein beförderte, das eine Befreiung aus den Fesseln des Alten bedeutete. Die Kasseler Musiktage spielten in diesem Prozess eine hochbedeutende Rolle, und dies nicht zuletzt dadurch, dass sie ihre Themen und Programme geradezu querständig vertraten. Wo man sich anderorts blenden und einnehmen ließ von der Macht des Gewohnten und von der Sonne der Zukunft, da fragten die Kasseler Musiktage nach dem Verlorenen, nach dem Vergessenen, da wurden die Selbstverständlichkeiten der kulturellen Praxis kritisch beleuchtet und hinterfragt, da wurde im Alten das Neue freigelegt und Bereiche wie die Sakral- und Kirchenmusik auf ihre aktuellen Potentiale und Bedeutungen hin in den Interessenshorizont gestellt.

Die Kasseler Musiktage standen für einen kritischen Geist der Moderne. Doch darin auch liefen sie Ende des 20. Jahrhunderts Gefahr, sich selbst verzichtbar zu machen, weil sie sich in ihrer spezifischen Haltung gerade festnagelten in der Zeit, die freilich sich fortbewegt hatte. In den letzten zwanzig Jahren, seit der Wende, seit der starken Profilierung Europas und seit der Einbindung der regionalen und nationalen Verhältnisse in die globalen Prozesse hat sich Vieles verändert. Geblieben und sogar verstärkt freilich haben sich die sozialen Probleme, die Dissoziierung der Gesellschaft, die Themen unserer Zukunftsfähigkeit und die Fragen nach dem Sinn unseres Lebens. Kultur hat immer in ihren sehr spezifischen Ausprägungen auf die existenziellen Fragen und Bedürftigkeiten der Menschen Antworten zu geben versucht, nicht im Sinne von Rezepten, aber doch im Sinne eines Verstehens und eines Erkennens von Verhältnissen, in denen man sich nun mal grundsätzlich zurecht finden muss.

Wo stehen wir?
Was gilt?

Der Kulturangriff hat in den letzten Jahrzehnten eine enorme Weitung erfahren. Gleichzeitig haben sich die Gewichte unter den inhaltlichen Segmenten und künstlerischen Genres und Gattungen verschoben. Die Voraussetzungen dazu liegen begründet in den demokratischen Strukturen unserer westlichen Gesellschaft, in denen die verschiedenen gesellschaftlichen Segmente gleichsam "gleichwertig" nebeneinander existieren und sich jeweils auch durch eigene kulturelle Prägungen auszeichnen. Dabei kommt es wiederum zu Querverbindungen in den Interessenslagen, allerdings unter der Bedingung gehobener Bildungsniveaus.

Die Globalisierung und Internationalisierung in der Lebenspraxis (Beispiel Tourismus, Sport, Mode, usw.) haben ihre Entsprechungen gefunden in einer Kulturpraxis, in der das "Fremde" und "Andere" fast gleichwertig neben dem "Eigenen" steht. Hinzu kommt, dass unsere Gesellschaft von einer Vielzahl von Migrationen durchdrungen ist. Diese Realität kennt wohl in den einzelnen Segmenten kulturelle Ausprägungen, eine integrative Kulturpraxis freilich ist noch kaum auf den Weg gebracht. Vielleicht ist sie auch gar nicht so einfach möglich, weil hinter den kulturellen Unterschieden religionsbedingte und lebenstraditionelle Differenzen stehen.

Das Thema "Alt/Neu" oder "Vergangenheit/Zukunft" ist heute ein Thema von hoher Aktualität, insbesondere im Bereich des Musiklebens. Gewaltig sind die kulturellen Erbschaften, die auf uns gekommen sind. Wie gehen wir damit um? Wie verhalten wir uns? Was bedeuten sie uns? In einer Welt, die sich ständig in Veränderung befindet. Wie verhalten wir uns zu den Fragen der Zukunft? Zu jenen Fragen, deren Beantwortung den nachfolgenden Generationen zur lebensrealen Herausforderung wird. Welche Musik wollen wir zukünftig hören? In welchen Klängen und musikalischen Ausdrucksformen werden sich die Generationen nach uns wohlfühlen und sich wiederfinden und erkennen können? Was ist zu tun, um das große Erbe unserer musikalischen Kultur im Bewusstsein und in der Praxis des kulturellen Lebens lebendig zu halten?

Die Kasseler Musiktage von heute beziehen sich programmatisch auf diese existenziellen Problemkreise. Wir verstehen sie als ein kreativ produktives Projekt mit vielseitigen thematischen Ausrichtungen, insbesondere aber mit dem Anspruch, auf Seiten der Öffentlichkeit, vor allem auch der jugendlichen Öffentlichkeit, Interesse und Teilnahme zu wecken und aufzubauen. Es gilt, diese "Kasseler Musiktage" als ein Markenzeichen der Stadt zu profilieren, nach Innen und nach Außen.

Aspekte der Praxis

Die Kasseler Musiktage sind zeitlich auf die Dauer von zweieinhalb Wochen angelegt. Sie beginnen jeweils am Donnerstag vor dem letzten Oktoberwochenende und enden am zweiten Novemberwochenende. Sie umfassen 20 bis 25 Veranstaltungen. Sie enthalten neben Konzerten auch Akademien bzw. Workshops und Kursangebote für junge Profimusiker ebenso wie für Amateure und Laien. Sie präsentieren beste Künstler und verfolgen insgesamt ein maximales Qualitätniveau. Sie wissen sich schwerpunktmäßig dem künstlerischen Nachwuchs verpflichtet, enthalten also durchaus ein Förderprogramm. Die Kasseler Musiktage berücksichtigen, unter Bezugnahme auf das jeweilige dramaturgische Konzept, zeitgenössische Musik und fördern hier speziell die junge Komponistengeneration. Die Kasseler Musiktage setzen auf Kooperationen, insbesondere auf die mit der Kantorei St. Martin und dem Staatstheater Kassel.

Dr. Dieter Rexroth
Künstlerischer Leiter