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Unser Tipp
27. Januar | 20.00 Uhr
Benefizkonzert
Petra Somlai spielt Werke von Johann Christian Bach, Ludwig van Beethoven, Joseph Haydn und Wolfgang Amadeus Mozart auf einem historischen Hammerflügel von Jacob Weimes (Prag, 1818).

 
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IM ATEM DER ZEIT


Die Welt atmet unruhig, nervös und angestrengt. Vieles steht auf dem Spiel - unverkennbar. Die Zeit scheint außer Atem zu geraten; denn die Koordinaten Fortschritt und Wachstum einerseits sowie Herkunft und Tradition andererseits verlieren sich in Auflösungen und Paradoxien. Sicherheiten verlieren, weil die Verhältnisse ins Indifferente umschlagen; Vertrauen schwindet, nachdem die Moderne eine Individualisierung unter den Menschen freigesetzt hat, die letztlich das "Allgemeininteresse" der Menschen darauf reduziert, dass jeder nach seiner Façon glücklich wird (Zygmunt Bauman). Das Dauerhafte tut sich schwer, das Alte wird lästig oder dient als letzte Zuflucht. Radikale Maßnahmen besetzen das Denken. Veränderungen, Brechungen sind gefragt; das Verschwinden dessen, was da heute noch zu gelten scheint, ist absehbar. Unsere Traditionen werden "flüssig". Sie verlieren ihre Konsistenz, ihre feste Form, sie geraten ins Ungebundene. Die Fragen an unsere Zukunft werden ernster.

Kunstwerke, Schöpfungen aus vergangenen Zeiten! Was sind sie uns heute? Sie sind präsent, gewiss! Was aber sagen sie uns heute? Was bedeuten sie uns? - Junge Künstler, unsere kulturelle Zukunft - Artists in-Residence bei den "Kasseler Musiktagen 2011" - interpretieren große Werke, die in vergangenen Zeiten entstanden sind. Unsere jungen Künstler legen ihre Karten offen, was Annäherung, Deuten, Erfassen, was Auseinandersetzung und Verstehen betrifft. Und dabei stellen sie ihre Interpretationen auch in unterschiedliche programmatische und veranstalterische Kontexte; sie suchen Begegnungen und Konfrontationen von musikalischen Werken mit literarischen Dichtungen. Was resultiert daraus für den Zuhörer?

Ein weiteres Spiel wollen wir spielen und werden unsere jungen Künstler mitgestalten: Salons ! - Wir greifen damit auf eine Spielart von Geselligkeit zurück, die einstmals, vor allem um 1800 und später, in der Entwicklung der bürgerlichen Kulturpraxis eine bedeutende Rolle spielte. Hier gingen die Künste, die Wissenschaften und die Beschäftigungen mit den Realitäten eine Verbindung ein. Das Erfassen und Erleben des einen wurde durch das Andere beeinflusst, befruchtet oder auch konterkariert. Und dies im freien Spiel!

Das dritte Feld, in dem sich unsere Artists-in-Residence zu bewähren haben, ist das Symphoniekonzert. Insgesamt sieben Orchesterkonzerte präsentiert in diesem Herbst 2011 das Kasseler Musikfestival, In allen Konzerten tritt durchweg ein Solist auf, also jene Künstlerfigur, die als Protagonist des Individuellen, des Fortschritts und der herausfordernden Anmaßung ebenso wie der Gefährdung durch das letztlich nie abschätzbare Risiko des Absturzes gleichermaßen repräsentativ für unser Musikleben ist wie es andererseits das Orchester selbst ist, jene großartige Erfindung, in der sich die gesellschaftlich-kommunale Mentalität und Verantwortung human-bürgerlicher Existenz abbildet.

Besonders charakteristisch und bedeutsam für die "Kasseler Musiktage" sind die Kooperationen mit Kasseler Institutionen und Engagements: Die Musikakademie, das Louis Spohr Kammerorchester Kassel, das Kulturzentrum Schlachthof, die Universität Kassel, die Kantorei Kirchditmold, die Kirche St. Martin und die Kunsthalle Fridericianum werden Partner sein. In und hinter all diesen Einrichtungen steckt ein Wille - sowohl sehr konkret als auch sehr allgemein - ein beispielhaftes Engagement für die Künste, für künstlerische und musische Bildung und Aktivitäten. In den "Kasseler Musiktagen" fokussieren sich diese Aktivitäten, und das gibt ihnen den spezifischen Signalwert. Dankbar sind wir für die vielen Unterstützungen durch Mäzene und Sponsoren. Darin bekundet sich einmal mehr ein Bewusstsein und Engagement für einen sinnvollen kulturellen Prozess. Und der ist in der Tat an die Fantasiefähigkeit und Kraft sowie an die Verantwortungsübernahme durch die musikalische Jugend gebunden. Unbeirrbar ist unser Glauben und unser Vertrauen in diese Jugend, die in der Auseinandersetzung mit dem "ewigen" Konfliktthema Neu/Alt oder Zukunft/Vergangenheit immer einen richtigen Weg gefunden und eingeschlagen hat, und dies auch fortan tun wird.

Das muss unsere Hoffnung sein.

Die Kasseler Musiktage
Dr. Dieter Rexroth
Künstlerischer Leiter